Ich gebe zu: ich konnte mich an nichts erinnern. Nicht einmal an meinen Namen. Doch werde ich wohl einen Namen gehabt haben. – Es war üblich, einen Namen zu haben, so viel wusste ich noch. So viel glaubte ich zu wissen. Doch ich konnte mich an meinen Namen eben nicht erinnern. Auch erinnerte ich mich nicht an die, die mir den Namen gaben, den ich vergessen hatte. Immerhin, so viel wusste ich: es war üblich, Eltern zu haben. Ein Menschenpaar, das in Sorge ist, dass es seinem Kind auch immer gut geht. – So viel wusste ich noch, oder, vielmehr: das erhoffte ich.
Woher ich kam? Weiß ich nicht. Wohin ich wollte? – keine Ahnung. Ob jemand auf mich wartete, ob ich jemanden verließ? Die Erinnerung ist weg (doch war sie je vorhanden? – wie hätte ich das wissen können?).
Woran ich mich erinnerte: ich trank aus einem Bach. Viel trank ich, denn brennend war der Durst, den ich zu löschen hatte (musste also viel gelaufen sein, bevor ich den Bach erreichte – Strecken, an die ich mich nicht erinnern konnte). Ob ich, bevor ich mit hohlen Händen aus ihm schöpfte, über den Bach gesprungen bin (er war nicht sehr breit) – ob ich mich also an dem Ufer befand, an dem meine Erinnerungen liegen, oder ob ich an dem neuen Ufer getrunken und vergessen hatte, weiß ich auch nicht mehr genau (ich glaube, es war das neue!). Doch was kann es schon bedeuten? – ein Bächlein war’s, mehr nicht. Man muss aus einem kleinen Wasserlauf nicht gleich eine Trennungslinie machen für das ganze Leben.
Wasser muss sich sammeln. Das war mir einfach so, für sich genommen, klar. Daran brauchte ich mich nicht zu erinnern. Sammeln muss das Wasser sich, und fließen, und zwar von einem Ort, der höher, an einen anderen, der tiefer liegt. Ein Alter haben musste ich, auch das war klar. Eine Zahl an Jahren, die mich von dem Bächlein trennt, über das ich irgendwann einmal in die Existenz gesprungen bin (geworfen wurde, wäre hier wohl richtiger! – wie auch immer, man verzeihe mir die Poesie, die mir – zwar erinnere ich mich nicht, doch spüre ich: die mir eigentlich nicht liegt). Mit einem Wort, mein Alter war mir: unbekannt. Sich über den Bach zu beugen brachte keinen Aufschluss. Ich hätte in einen Spiegel blicken wollen, doch war das Wasser so bewegt, dass ich nur Scherben meines Bildes sah, die unter einem dichten Nebel ausgebreitet lagen. – Also weiter. Noch einen Schluck vielleicht, fragte ich mich – der Weg war sicher weit, der vor mir lag? Lieber nicht, antwortete ich mir selbst. Der Bach ist nicht geheuer, und wie weit der Weg tatsächlich ist? – keine Ahnung.
Also los. Und immer weiter. Dem Ufer folgen? Mit dem Wasser, also abwärts – ? – ich schien die Bedeutung solcher Dinge sehr genau zu nehmen, spürte ich. Oder lieber aufwärts, Richtung Quelle? Schließlich rief mir eine Stimme zu (ich glaube, es war meine eigene): Fort vom Bach! Also ging ich, tiefer noch hinein – in den Wald, der schweigend in dem grauen Nebel stand. Ich lief. Und hatte Sehnsucht nach dem Bach. Wollte das Gefühl der Richtung wieder haben, die der Fluss des Wassers angab. Die Bäume waren nicht zu unterscheiden. Ragten in die trübe Luft und hatten so viel grauen Nebel in sich reingetrunken, dass ihre spitzen Bäuche sich mit Schwärze füllten. Es regte sich kein Lüftchen. Und ich lief. Das Überall der Bäume wurde schrecklich; und ich lief. Ich beschloss, zum Bach zurückzukehren, wandte mich um – und lief. Doch gab es keinen Bach. Es gab Bäume. Wald. Und nebelschwere Luft. Und keinen Bach. Auch gab es keinen Tag. Und keine Nacht. Nur die graue Luft, die sich die Bäume über ihre Bäuche gezogen hatten, um in einen ewig traumlosen Schlaf zu sinken. Kein Geräusch, kein Lüftchen, keine Änderung des Lichts. Unter meinen Füßen feuchtes Moos, in das sie lautlos sanken. Meine Füße waren nass. Nass war ich am ganzen Leib – (ich erschrak)
Wer bist du?
Weiß ich nicht. – Und du?
Hmm.
Hast du einen Namen?
Nun, ich denke wohl, dass ich einen Namen habe.
Na, dann verrate ihn!
Kann ich nicht.
Keine Erinnerung, wie?
So könnte man es sagen.
Schade.
Hast du von dem Bach gehört?
Habe ich nicht. Gesellschaft gab es nicht.
Doch gesehen hast du ihn, mit deinen Augen?
Das habe ich –
Und daraus getrunken?
Auch das.
Und hast versucht, den Bach wieder zu finden, nachdem du eine Weile durch den Wald gelaufen bist?
Ach, ja.
Doch konntest ihn nicht wiederfinden –
Ach, nein.
Wollen wir gemeinsam weitergehen?
Ach, warum nicht – doch wohin?
Und so gehen wir, gemeinsam.